Medizinische Besonderheiten bei Whippets

Warum gib es bei Whippets und anderen Windhunden medizinische Besonderheiten?

Der Körperbau und die Funktion des Herz-Kreislaufsystems des Whippets haben sich durch die jahrhundertelange Zucht ganz an die Bedürftnisse eines Extremsportlers angepasst. Die kräftig ausgeprägten Muskeln des Whippets benötigen beim Sprint vor allem eines: reichlich Sauerstoff. Um mehr Sauerstoff zu transportieren, hat der Blutkreislauf des Körpers vier Möglichkeiten:

  1. Mehr Volumen
  2. Mehr Druck
  3. Mehr Geschwindigkeit
  4. Mehr Sauerstoff pro Volumeneinheit

Mehr Volumen wird erreicht durch einen größeren Gefäßdurchmesser und ein größeres Herz. Mehr Druck benötigt einen höheren Blutdruck. Ein schnellerer Herzschlag erhöht die Geschwindigkeit. Und die Anzahl und Aufbau der roten Blutkörperchen definieren die transportierbare Sauerstoffmenge.

Diese körperlichen Besonderheiten haben weitere Folgen für den Stoffwechsel und den Nährstoffbedarf.

Whippetherz

Alle auf dieser Seite genannten medizinischen Besonderheiten sind genetisch bedingt und gelten grundsätzlich für trainierte und untrainierte Hunde. Durch Training werden sie verstärkt. Bei Couch-Potatoes und älteren Hunden bleibt der vorbestimmte Anteil erhalten.

Auch bei Menschen gibt es genetisch vorbestimmte Sprinter und Marathonläufer. Daran kann auch massives Training nichts ändern.

Herzparameter

Das Herz eines Whippets ist ca. 20 % größer als das Herz “normaler” Hunderassen. Daher dürfen die Herzparameter niemals mit normalen Referenzwerten verglichen werden. Macht ein Tierarzt das in Unkenntnis des Sachverhalts, wird er dem Whippet immer einen Herzfehler bescheinigen. Es gibt für Whippets eine Studie mit eigenen Referenzwerten.

 

Kaspars Herz wird im Ultraschall vermessen

Blutdruck

Der Blutdruck eines Whippets ist ebenfalls höher als bei anderen Hunderassen. Werte von ca. 150:85 mmHg  (+/- 20/15) sind normal und nicht etwa krankhaft (Quelle: www.vethdo.de). Beim Sprinten liegen die Werte erheblich höher.

Puls

Wie jeder Sportler haben auch Whippets einen sehr variablen Puls. Das gilt umso mehr für gut trainierte Hunde. Der Ruhepuls kann dabei zwischen 40 und 50 Schlägen pro Minute liegen. In Aufregung steigt der Puls auf bis zu 200 und beim Sprint auf über 250 Schläge pro Minute.

Blutwerte

Um den Sauerstofftransport zu optimieren besitzen Whippets mehr rote Blutkörperchen als andere Hunde. Dadurch ist ihr Blut dicker als das von Hunden anderer Rassen. Wenn es mehr rote Blutkörperchen gibt, gibt es zwangsläufig weniger weiße Blutkörperchen und Blutplättchen. Sind die roten Blutwerte deutlich im Referenzbereich, was manchen Tierarzt erfreuen würde, sollte dringend eine Anämie ausgeschlossen werden.

Durch die erhöhte Muskeltätigkeit ist auch Kreatinin höher als normal. Dagegen ist Gesamteiweiss aufgrund des höheren Bedarfs teilweise etwas erniedrigt.

Da es keine eigenen Referenzwerte für Whippets gibt, werden behelfsweise die Werte für (Renn-)Greyhounds herangezogen, die ihnen im Körperbau und Herz-Kreislaufsystem sehr ähnlich sind.

Sportlich aktive Hunde haben eher Werte im mittleren oder oberen Bereich. Die roten Blutwerte für untrainierte oder ältere Whippets liegen am unteren Ende oder sogar leicht darunter. Ein Hämatokrit unter 50 % ist jedoch verdächtig und sollte untersucht oder zumindest beobachtet werden.

Achtung: Einige Referenzwerte sind je nach Labor leicht unterschiedlich und nicht direkt vergleichbar. Bitte auch auf die Einheiten achten.
 

Vergleich der Blutwerte von "normalen" Hunden und Whippets

Blutwert
Hund
Whippet
Hämoglobin g/dl
15-19
19-21,5
Hämatokrit %
38-55
55-65
Erythrocyten T/l
6-9
7,4-9
Leucozyten G/l
6-12
3,5-6,5
Thrombozyten G/l
150-500
80-200
Kreatinin mg/dl
< 1,4
0,8-1,6
Gesamteiweiss g/dl
5,3-7,7
4,5-6,2
Globulin
1,5-3,5
2,1-3,2
T4
1,0-4,7
0,5-3,6
Quellangabe
IDEXX

Die Schilddrüse

Die Schilddrüse ist der Taktgeber im Körper. Ein erhöhter Stoffwechsel und ein schnellerer Kreislauf benötigen eine stärkere Schilddrüsenfunktion. Windhunde und andere Hunde mit vermehrter Bewegungsaktivität benötigen daher mehr Jod, um die Schilddrüsenfunktion aufrecht zu erhalten (Quelle: Meyer / Zentek: Ernährung des Hundes). Windhunde haben häufig niedrigere Schilddrüsenwerte als andere Hunde, was inzwischen als normal angesehen wird.

Nach meiner Erfahrung sind die Werte sehr wohl im Referenzbereich, wenn die Jodzufuhr ausreichend ist. Und manche angeblichen whippettypischen Eigenschaften könnten möglicherweise die Folge einer durch Jodmangel verursachten Schilddrüsenunterfunktion (SDU) sein. Umgekehrt sind typische Symptome einer SDU wie Übergewicht, Müdigkeit und Kälteempfindlichkeit beim Whippet nicht so auffällig. Die ersten beiden treten oft durch den höheren Stoffwechsel nicht in Erscheinung und das letzte ist nicht unerwartet.

Ich hoffe, dass die Schilddrüsenfunktion von Whippets kurzfristig in einer Studie näher untersucht wird.

Mögliche Symptome einer durch Jodmangel verursachten SDU:

  • Hodenfehler
  • Läufigkeitsprobleme
  • Haarausfall
  • schlechtes Bindegewebe
  • Herz-Kreislauferkrankungen
  • zu starkes Hornhautwachstum
  • rissige Haut, Hornhaut, Krallen, Schuppenbildung
  • Pigmentstörungen
  • frühzeitiges Ergrauen
 
 

Der Stoffwechsel

Whippets haben einen sehr schnellen Stoffwechsel, kaum isolierendes Körperfett und kein schützendes Fell. Ihr Energiebedarf ist enorm. Daher benötigen sie viel und nährstoffreiches Futter.

Einige Whippets reduzieren Ihren Stoffwechsel in Ruhe so weit, dass sie einen Puls von kaum 40 Schlägen pro Minute und eine Körpertemperatur von nur wenig über 37° C haben können. Das ist nicht etwa krankhaft! Diese Hunde frieren jedoch sehr leicht in Ruhe (im Haus) aber nicht unbedingt in Bewegung. Daher liegen viele Whippets selbst bei 30° C noch in der Sonne, während ihnen bei 20° C beim Spaziergang schon zu warm wird.

Junghunde haben ein fühlbar höhere Körpertemperatur als erwachsene Hunde. Wir nennen das das “Öfchenstadium”, weil sie in dem Alter wie eine kleine Heizung wirken. Genau haben wir das leider nie gemessen. Das werden wir beim nächsten Welpen nachholen.

Alte und verletzte sowie narkotisierte Hunde benötigen daher auch im Haus unbedingt einen passenden Mantel oder eine Decke um nicht auszukühlen.

Körpertemperatur

erwachsene Hunde: 37,5-39° C
Welpen: bis 39,5° C
Junghunde:

Herzschläge pro Minute

Erwachsene: 40-60
Welpen: bis 200
Junghunde: bis 100

Atemzüge pro Minute

Erwachsene: 10-18
Welpen: bis 30
Junghunde: bis 25

Narkose bei Whippets

Man hört und liest immer wieder, dass Whippets Probleme bei der Narkoseverträglichkeit haben. Das ist so nicht richtig. Tatsächlich haben Whippets einfach nur sehr wenig Körperfett. Viele  Narkosemittel werden im Körperfett zwischengespeichert. Das funktioniert bei Whippets nicht. Diese Medikamente werden beim Whippet nicht wie gewünscht zeitversetzt freigegeben, sondern sofort. Das kann zu Überdosierungen führen.

Daher sollte eine Narkose beim Whippet immer nach Wirksamkeit und niemals nach Gewicht dosiert werden. Das geht nur bei Gabe des Narkosemittels direkt in eine Vene. Und es sollten nur Narkosemittel verwendet werden, die entweder nur sehr kurz wirken, wie z.B. Propofol, oder für die es Gegenmittel gibt. Ideal ist eine Inhalationsnarkose.

Fragen Sie vor einer Narkose, ob ihr Tierarzt sich mit den Besonderheiten bei Windhunden / Whippets auskennt und ob er die notwendigen Gerätschaften für eine Inhalationsnarkosebesitzt.

Es gibt Narkosemittel, welche von Windhunden schlecht vertragen werden (Thiobarbiturate). Die werden jedoch auch bei anderen Rassen nicht mehr verwendet.

Zusammenfassung Narkose

  • Einleitung i.V.
  • Dosierung nach Wirkung (mit 1/3-1/2 der geplanten Menge anfangen)
  • möglichst Inhalationsnarkose
  • Narkotika mit kurzer Wirkungsdauer wie Propofol
  • kein Thiobarbitol

Nach einer guten geführten Narkose kann der Hund bereits nach wenigen Minuten wieder stehen und die Praxis nach kurzer Zeit auf eigenen Füßen verlassen.

Gefahr für Sprinter: Die Greyhoundsperre

Die Greyhoundsperre, auch genannt Rhabdomyolyse, Myoglobinurie oder Lumbago, ist eigentlich keine medizinische Besonderheit von Windhunden, sondern ein Stoffwechselzustand, der bei stark bemuskelten Hunden (Sprintern) besonders leicht auftreten kann. Dabei handelt es sich um eine massive Übersäuerung der Muskulatur. Die Folgen ähneln einem Muskelkater mit extremen Ausmaßen. Eine voll ausgeprägte Greysperre ist für den Hund nicht nur extrem schmerzhaft, sondern lebensgefährlich.

Die Greyhoundsperre wird verursacht durch körperliche Überlastung und/oder starke Aufregung zum Beispiel bei Windhundrennen oder auch beim Jagen.

Bei einem Verdacht auf Greysperre sollte sofort ein Tierarzt aufgesucht werden. Wenn der mit dem Begriff Greyhoundsperre oder Myoglobinurie nichts anfangen kann, hilft der Hinweise auf den Kreuzverschlag des Pferdes.

Symptome:

  • Erschöpfung
  • steifer Gang
  • Schmerzen (Muskeln, Rücken)
  • rot-bräunlich verfärbter Urin

Wenn eine schwere Greysperre nicht behandelt wird:

  • Nierenversagen
  • Tod